Im Folgenden ein amüsanter Auszug aus Edward Lasker's Buch "Schach-Geheimnisse" (1969, übersetzt von Wolf-Dieter Raschke), eine Begebenheit die Erinnerungen an meine Zeit im Heim wachrüttelt:

Was meine Mutter im Sinne hatte, als sie mich zu Professor Niemeyer schickte, war natürlich, mich weitestgehend vom Schach fernzuhalten. In dessen Institut gab es natürlich keinen Ausgang nach dem Abendessen.
Wie konnte ich unter diesen Umständen an dem Breslauer Meisterschaftsturnier teilnehmen, das in jenem Winter im Schachklub Morphy ausgetragen werden sollte, einem Konkurrenzklub des Anderssen Clubs? Die Spiele sollten alle am Donnerstag-Abend stattfinden und es war offensichtlich vergeblich, die Zustimmung von Dr. Niemeyer zu bekommen, mich auch nur einen Abend pro Woche während des Turniers gehen zu lassen. Das Problem war nicht einfach, aber es musste gelöst werden.
Es gab in meinem Institut insgesamt sechs oder acht Jungen und ich beschloss, mich einem von ihnen, der ein netter Kamerad zu sein schien, ins Vertrauen zu ziehen. Mein Plan bestand darin, an dem Eröffnungs-Abend des Turniers Müdigkeit zu heucheln und früh in das Bett zu gehen. Dann wollte ich aus dem Haus schleichen, und mein Freund sollte mich einlassen, wenn ich spät in der Nacht zurückkehrte. Da ich die genaue Uhrzeit meiner Rückkehr nicht angeben konnte, mussten wir ein Signal vereinbaren, das ihn wecken würde, aber das sonst keiner hören konnte. Das war alles sorgfältig vorbereitet. Während Professor Niemeyer unterrichtete, verlegte ich ein Paar isolierte Drähte aus dem Jungenschlafzimmmer bis in die Halle zu einem kleinen Loch im Haustürrahmen. Das Loch, das vermutlich vor Jahren dazu benutzt wurde, mittels einer Ziehstange eine mechanischen Klingel zu betätigen, war gerade groß genug, dass mein Zeigefinger durchkam. So gelang es mir, die vorhandenen mit den neuen Drähten zu verbinden, zusätzlich eine Blitzlicht-Batterie mit Schelle zu verbinden und unter dem Kopfkissen im Jungenschlafzimmer zu verstecken. Wenn ich nun klingeln würde, würde ich nur ihn wecken.
Alles lief nach Plan. Ziemlich genau ab 19.30 Uhr begann ich zu gähnen, bis der Professor fragte, was mit mir los sei, und mir sagte, ich sollte besser früh zu Bett gehen. Obwohl ich zuerst schwach dagegen protestierte, stimmte ich dann zu und wünschte eine gute Nacht. Nachdem ich meinen Raum erreicht hatte, entledigte ich mich meiner Schuhe und schlich davon. Im Klub, dessen Mitglieder alle zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt waren und die wegen meiner Schwierigkeiten Mitgefühl zeigten, erhielt ich volle Unterstützung. Sie erlaubten mir, unter einem anderen Namen zu spielen, so dass der Professor nichts herausfinden konnte.
Es war etwa eine Viertelstunde vor Mitternacht, als ich zu meinem Internat zurückkam. Ich zog wieder meine Schuhe aus und kletterte geräuschlos einige dunkle Treppen zu unserem Flur hoch. Dann betätigte ich die installierte Klingel und wartete. Nach ungefähr einer Minute hörte ich ein Paar bestrumpfte Füße sich vorsichtig hähern. Die Tür wurde schweigend entriegelt und dann geöffnet. Ich schlüpfte hinein und flüsterte ein Dankeschön in das Ohr meines Freundes, als er zu meiner Verblüffung nach dem elektrischen Schalter neben der Tür griff. Er drehte das Licht an, und der Fußboden schien unter mir zu versinken. Ich erblickte nicht meinen Freund vor mir, sondern den Professor Niemeyer in seinem Nachthemd.
Mein Gesichtsausdruck musste derart konsterniert gewesen sein, dass er sich nicht mehr zurückhalten konnte: Er brach in ein wahrhaft homerisches Gelächter aus, und sein Körper schüttelte sich einige Minuten lang, bevor er sich wieder verständlich äußern konnte. Wie auch immer, das nahm die Ernsthaftigkeit aus der ganzen Affaire. Er sagte zu mir: “Mein lieber Junge, das wird Dir hoffentlich eine Lehre sein. Geh immer davon aus, dass Dein Gegenüber genauso klug ist wie Du, bis Du was anderes herausgefunden hast. Denkst Du, Dein Davonklappern heute Abend in der Halle konnte unbemerkt bleiben? Als Du Gute Nacht gesagt hattest, fragte ich Robert, ob er diese Störung verursacht hätte. Seine ausweichende Antwort ließ mich misstrauisch werden. Ich ging in die Halle und entdeckte die Drähte. Ihnen zu folgen war leicht. Dann ging ich in Deinen Raum, aber der kleine Vogel war ausgeflogen. Ich muss gestehen, ich hatte eine wundervolle Zeit, als ich mir vorstellte, was für ein Gesicht Du machen würdest, wenn ich die Tür öffnen würde. Aber die Art und Weise, wie Du ausgeschaut hast, übertraf alle meine Erwartungen!“.
Ich wünschte mir, ich wäre Professor Niemeyers Rat in all meinen Turnieren, die ich seitdem gespielt habe, gefolgt. Wie viele Verluste hätte ich vermieden, die ich nur deswegen erlitt, weil ich meine Gegner nicht ernst genug nahm.